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	<title>Angst &#8211; zebra-bw</title>
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	<title>Angst &#8211; zebra-bw</title>
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		<title>Angst als Wegweiser:  Ein wertschätzender Blick auf ein oft missverstandenes Gefühl</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Zebra-BW.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Jun 2025 09:41:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Beiträge und News]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Bedürfnisse]]></category>
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					<description><![CDATA[Angst ist eine der häufigsten Emotionen, mit denen wir in Gesprächen über Weltanschauungen und persönliche Krisen konfrontiert sind. Sie zeigt sich in unterschiedlichsten Formen: Manche Menschen fürchten sich vor der zunehmenden Komplexität der Welt und suchen Halt in einfachen Erklärungen, Verschwörungstheorien oder geschlossenen Glaubenssystemen. Andere kämpfen mit der Angst, eine wichtige Beziehung zu verlieren –]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Angst ist eine der häufigsten Emotionen, mit denen wir in Gesprächen über Weltanschauungen und persönliche Krisen konfrontiert sind. Sie zeigt sich in unterschiedlichsten Formen: Manche Menschen fürchten sich vor der zunehmenden Komplexität der Welt und suchen Halt in einfachen Erklärungen, Verschwörungstheorien oder geschlossenen Glaubenssystemen. Andere kämpfen mit der Angst, eine wichtige Beziehung zu verlieren – sei es, weil ein geliebter Mensch sich einer religiösen Gruppierung angeschlossen hat oder weil sie selbst merken, dass ihre bisherige Überzeugung nicht mehr zu ihnen passt. Wieder andere fürchten den Verlust ihrer Identität, wenn sie sich von einer bestimmten Gemeinschaft oder Weltanschauung lösen. Angst kann sich auch in alltäglichen Sorgen äußern, etwa in der Angst, im Beruf zu versagen, soziale Ablehnung zu erfahren oder finanzielle Sicherheit zu verlieren.</p>
<p>Doch Angst ist nicht nur eine Herausforderung – sie erfüllt eine wesentliche Funktion. Sie ist ein natürlicher Bestandteil unseres Lebens und kann uns helfen, uns zu schützen und zu wachsen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Warum Angst wichtig ist</h3>
<p>Angst ist ein Urgefühl, das uns vor Gefahren bewahrt. Ohne Angst hätten unsere Vorfahren sich sorglos in riskante Situationen begeben – mit fatalen Folgen. Unser Körper reagiert mit erhöhtem Puls, angespannter Muskulatur und geschärften Sinnen, um uns auf eine Bedrohung vorzubereiten. Typische Reaktionen sind Flucht, aber auch Angriff, Kampf oder sogar eine Starre – allesamt Überlebensmechanismen, die evolutionär tief verankert sind. Auch heute ist Angst eine sinnvolle Begleiterin: Sie hält uns davon ab, zu nah an eine Klippe zu treten oder vorschnelle, riskante Entscheidungen zu treffen.</p>
<p>Psychologisch betrachtet ist Angst eine Art inneres Alarmsystem. Sie signalisiert uns, dass etwas in unserem Leben Aufmerksamkeit erfordert. Sie kann uns auf ungelöste Konflikte, unerfüllte Bedürfnisse oder eine Diskrepanz zwischen unserer inneren Überzeugung und äußeren Erwartungen hinweisen. Ein Beispiel aus der Beratungsarbeit: Wer große Angst davor hat, sich von einer religiösen Gruppe zu lösen, spürt vielleicht nicht nur die Sorge vor sozialem Ausschluss, sondern auch innere Loyalitätskonflikte oder traumatische Erfahrungen mit Autorität. In solchen Fällen zeigt die Angst nicht Schwäche, sondern verweist auf tiefere Themen, die gesehen und bearbeitet werden wollen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<h3>Angst verbindet uns Menschen</h3>
<p>Obwohl Menschen vor unterschiedlichen Dingen Angst haben, ist das Gefühl selbst universell. Angst verbindet uns. In gesellschaftlichen Diskussionen wird oft übersehen, dass beide Seiten eines Konflikts häufig von Angst getrieben sind. Ein gutes Beispiel dafür war die Debatte ums Impfen während der Corona-Pandemie: Die eine Gruppe hatte Angst vor den möglichen Folgen der Impfung, während die andere Angst davor hatte, was passiert, wenn sich zu wenige Menschen impfen lassen. Letztlich war die Angst der gemeinsame Nenner, auch wenn ihre Ursachen unterschiedlich waren.</p>
<p>Auch in persönlichen Gesprächen kann ein bewusster Umgang mit Angst Brücken bauen. Wer erkennt, dass Angst ein gemeinsames menschliches Erlebnis ist, kann mit mehr Empathie auf andere zugehen und Missverständnisse reduzieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Wann Angst uns einschränkt</h3>
<p>Doch Angst ist nicht immer hilfreich. Manchmal übernimmt sie das Steuer und bestimmt unser gesamtes Handeln. Dann kann sie lähmen, uns in Gedankenschleifen festhalten oder dazu führen, dass wir Möglichkeiten im Leben nicht mehr wahrnehmen.</p>
<p>Ein hilfreiches Bild aus der systemischen Arbeit ist der „innere Bus“. In diesem Bus sitzen viele Anteile unserer Persönlichkeit – und auch die Angst hat einen Platz. In manchen Situationen ist es sinnvoll, sie ans Steuer zu lassen, etwa wenn wir in einer gefährlichen Umgebung sind oder eine Entscheidung besonders gut durchdenken müssen. Doch wenn Angst permanent das Steuer übernimmt, verlieren wir unsere Handlungsfreiheit. Ein Beispiel dafür ist die Angst vor öffentlichem Sprechen: Während eine gewisse Nervosität helfen kann, sich gut vorzubereiten, kann übermäßige Angst dazu führen, dass wir Gelegenheiten meiden, die uns eigentlich weiterbringen würden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Welche Bedürfnisse stecken hinter der Angst?</h3>
<p>Angst ist oft ein Hinweis auf tieferliegende Bedürfnisse. In der Beratungsarbeit zeigt sich zum Beispiel, dass Menschen, die Angst vor sozialem Ausschluss haben (etwa beim Verlassen einer religiösen Gemeinschaft oder weltanschaulichen Gruppe), sich häufig nach Zugehörigkeit und Sicherheit sehnen. Wer Angst vor Kontrollverlust empfindet, etwa im Kontakt mit esoterischen Versprechen von „kosmischer Ordnung“ oder pseudowissenschaftlichen Heilslehren, sucht oft nach Struktur, Orientierung und Vorhersehbarkeit. Wer sich vor einem Identitätsverlust fürchtet (etwa beim Zweifel an früheren Glaubensüberzeugungen), wünscht sich meist Selbstbestimmung und eine verlässliche Basis für das eigene Weltbild.</p>
<p>Ein weiteres Beispiel: Jemand, der Angst hat, sich kritisch mit den eigenen Überzeugungen auseinanderzusetzen (etwa aus Angst vor göttlicher Strafe oder Ausgrenzung durch die Gruppe), könnte ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, Geborgenheit oder einem stabilen Selbstwertgefühl haben. Wer Angst hat, nach dem Ausstieg „allein dazustehen“, sehnt sich oft nach echter Verbundenheit, die nicht an Bedingungen geknüpft ist. Wenn wir diese Bedürfnisse erkennen, können wir nach alternativen, gesünderen Wegen suchen, sie zu erfüllen – ohne dass die Angst unser Leben (oder unsere Entscheidungsfreiheit) bestimmt.</p>
<p>Wenn wir Angst wertschätzend betrachten, können wir sie als Signal verstehen und fragen:</p>
<ul>
<li>Wovor möchte mich meine Angst schützen?</li>
<li>Welches unerfüllte Bedürfnis steht hinter meiner Angst?</li>
<li>Gibt es andere Wege, dieses Bedürfnis zu erfüllen, ohne dass die Angst mein Leben bestimmt?</li>
</ul>
<p><strong> </strong></p>
<h3>Strategien im Umgang mit Angst</h3>
<p>Ein hilfreicher Umgang mit Angst bedeutet nicht, sie loszuwerden, sondern sie als wertvollen Ratgeber zu nutzen. Folgende Strategien können dabei helfen:</p>
<ol>
<li><strong>Die Angst benennen:</strong> Oft hilft es schon, die Angst bewusst wahrzunehmen und ihr einen Namen zu geben („Ich habe Angst vor Ablehnung.“, „Ich habe Angst, die Kontrolle zu verlieren.“).</li>
<li><strong>Akzeptanz statt Kampf:</strong> Angst verschwindet nicht durch Verdrängung, sondern wenn wir sie annehmen. Ein liebevoller Blick auf die Angst kann helfen, sie besser zu verstehen.</li>
<li><strong>Den Fokus verschieben:</strong> Anstatt sich nur auf das Bedrohliche zu konzentrieren, kann es helfen, den Blick auf die eigenen Ressourcen zu lenken. Welche Fähigkeiten und Unterstützungen habe ich, um mit der Situation umzugehen?</li>
<li><strong>Mit kleinen Schritten Sicherheit gewinnen:</strong> Wer sich seinen Ängsten in kleinen, machbaren Schritten stellt, macht oft die heilsame Erfahrung, dass befürchtete Konsequenzen nicht eintreten oder dass er damit umgehen kann. Zum Beispiel kann jemand, der Angst hat, aus einer spirituellen Gruppe auszutreten, zunächst anonym Informationen sammeln, sich mit Aussteiger:innen vernetzen oder ein vertrauliches Beratungsgespräch führen. Diese Schritte fördern das Gefühl von Selbstwirksamkeit, also die Überzeugung, das eigene Leben aus eigener Kraft gestalten zu können.</li>
<li><strong>Sich Unterstützung holen:</strong> Ob in Gesprächen mit vertrauten Menschen oder mit professioneller Begleitung – der Austausch mit anderen kann helfen, neue Perspektiven auf die Angst zu gewinnen.</li>
<li><strong>Auf den Körper achten:</strong> Atemtechniken, Bewegung oder bewusste Entspannung können helfen, die körperlichen Symptome der Angst zu regulieren und das Nervensystem zu beruhigen.</li>
</ol>
<p><strong> </strong></p>
<blockquote><p><strong>Fazit</strong></p>
<p>Angst ist kein Feind, sondern eine wertvolle Botschafterin. Sie kann uns helfen, auf uns selbst Acht zu geben, unsere Bedürfnisse zu erkennen und bewusste Entscheidungen zu treffen. Entscheidend ist, dass sie uns dient – und nicht wir ihr ausgeliefert sind. Indem wir sie mit Verständnis betrachten, können wir lernen, mit ihr zu arbeiten, anstatt gegen sie anzukämpfen.</p>
<p>Dabei ist es wichtig zu unterscheiden: Nicht jede Angst lässt sich allein durch Selbstreflexion und kleine Schritte bewältigen. Wenn Angst über längere Zeit anhält, das tägliche Leben stark einschränkt oder in körperlichen Symptomen und ständiger Anspannung mündet, kann eine professionelle Begleitung durch Psychotherapie oder medizinische Beratung hilfreich und notwendig sein. In der Beratungsarbeit sehen wir immer wieder, wie entlastend es sein kann, diesen Schritt nicht als „Scheitern“, sondern als Zeichen von Fürsorge sich selbst gegenüber zu verstehen.</p>
<p>Und vielleicht können wir – im Austausch mit anderen – erkennen, dass Angst nicht nur trennt, sondern auch verbindet: weil sie uns alle zu Menschen macht.</p></blockquote>
<p style="text-align: right;">
von Caja Gröber</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Verschwörungstheorien und Angst</title>
		<link>https://zebra-bw.com/news/verschwoerungstheorien-und-angst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Zebra-BW.de]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Jun 2021 22:01:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Beiträge und News]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Paranoid]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Verschwörungstheorien]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caja Gröber Die Angst ist eine treue Gefährtin – sie begleitet uns von der Geburt bis zum Tod und kann damit als „universelles menschliches Erlebensphänomen“ (Stöber &amp; Schwarzer, 2000, S. 6 f.) bezeichnet werden. Jeder Mensch kommt auf die eine oder andere Art und Weise mit ihr in Berührung. Sei es die Angst, sich als Kind]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>von Caja Gröber</p>
<p>Die Angst ist eine treue Gefährtin – sie begleitet uns von der Geburt bis zum Tod und kann damit als „universelles menschliches Erlebensphänomen“ (Stöber &amp; Schwarzer, 2000, S. 6 f.) bezeichnet werden. Jeder Mensch kommt auf die eine oder andere Art und Weise mit ihr in Berührung. Sei es die Angst, sich als Kind vor dem Tor des Kindergartens von der Mutter zu trennen. Sei es die Angst, in der Schule ausgelacht zu werden. Sei es die Angst, im Sommer mit einem Himbeereis in der Hand vor einer Wespe gestochen zu werden. Sei es die Angst vor Dunkelheit, Höhe, Gewitter, Clowns, Zahnärzten usw. Die Liste könnte beliebig fortgesetzt werden. Der gemeinsame Nenner ist wohl „das bewußte Erleben eines Erregungszustandes, der als quälend und bedrückend empfunden wird“ (Stöber &amp; Schwarzer, 2000, S. 5). Es ist daher nicht verwunderlich, dass Menschen im Allgemeinen danach streben, diesen Zustand zu überwinden oder zumindest zu reduzieren. Da es wohl eine Illusion bleibt, die Angst komplett aus unserem Leben zu verbannen, haben wir uns Methoden zurechtgelegt, um uns der Angst entgegenzustellen, d. h. es existieren die unterschiedlichsten Arten der Angstbewältigung. An dieser Stelle sind wir am Thema dieses Beitrags angelangt – Verschwörungstheorien (VST) und Angst. In gewisser Weise könnte man sagen, dass VST eine Form der Angstbewältigung darstellen. VST können z. B. dabei helfen, die Angst vor Kontrollverlust zu kompensieren, indem sie Klarheit, Ordnung und Sinn in einem System bieten, das eigentlich chaotisch ist (d. h. ein System, in dem unvorhergesehene Dinge eintreten, die nicht kontrollierbar sind). Die in dieser Darstellung suggerierte Monokausalität (<em>Angst vor Kontrollverlust führt zur Bildung von Verschwörungstheorien.</em>) führt allerdings zu kurz. Grundlegend gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie zwei Variablen A und B zusammenhängen können:</p>
<ul>
<li>A beeinflusst B, A -&gt; B</li>
<li>B beeinflusst A, B -&gt; A</li>
<li>A und B beeinflussen sich gegenseitig, A &lt;-&gt; B</li>
<li>A und B werden von einer Drittvariablen C beeinflusst, A &lt;- C -&gt; B</li>
<li>A beeinflusst B, wobei B wiederum die Variable C beeinflusst, A -&gt; B -&gt; C</li>
<li>der Zusammenhang zwischen A und B ist in dieser Stichprobe rein zufällig (Leonhart, 2017, S. 11)</li>
</ul>
<p>Es lässt sich grob unterscheiden zwischen <em>Korrelation</em> und <em>Kausalität</em>, wobei Korrelation nicht mit Kausalität verwechselt werden darf. Die Gemeinsamkeit beider Konzepte ist das Vorliegen eines Zusammenhangs. Allerdings ist die Korrelation eine Interaktion, d. h. eine Wechselbeziehung zwischen zwei Variablen (oben als Doppelpfeil dargestellt), Kausalität liegt dagegen vor, wenn ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang vorliegt (oben als einfacher Pfeil dargestellt). Ein lesenswerter Blogbeitrag zum diesem Thema ist unten verlinkt (Kufs, 2015).</p>
<p>In unserem konkreten Fall könnte man sich also überlegen, ob neben der Hypothese <em>Angst führt zu VST</em> (A -&gt;B) auch die Umkehrung, d. h. <em>VST führen zu Angst</em> (B -&gt; A), oder vielleicht eine Wechselwirkung, d. h. <em>Angst und VST beeinflussen sich gegenseitig</em> (A &lt;-&gt; B) betrachtet werden sollte. Diese Überlegungen sollen dazu führen, den Blick zu weiten und die Variablen <em>VST</em> und <em>Angst</em> im Sinne eines allgemeinen Interaktionsgeschehens, nicht ausschließlich im Sinne eines Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs zu betrachten.</p>
<p>An dieser Stelle sei auf ein Beispiel aus der empirischen Forschung verwiesen. Grzesiak-Feldman (2013) beschreibt in ihrer Arbeit drei Studien im Zusammenhang mit Angst und VST; auf Studie 2 und 3 wollen wir im Folgenden etwas genauer eingehen (Studie 3 stellt dabei eine Replikation von Studie 2 dar). Die Autorin untersuchte, ob eine angstbesetzte Situation zu einer Verstärkung des Verschwörungsdenkens führen würde. Als angstbesetzte Situation wurde die Situation vor einer Prüfung verwendet, da davon ausgegangen werden kann, dass das Warten auf eine Prüfung bei Studierenden einen Zustand erhöhter Angst induziert. In diesem Zustand wurde die Zustimmung hinsichtlich verschiedener VST erfasst. Die Ergebnisse weisen tatsächlich auf eine erhöhte Zustimmung zu VST in der angstbesetzten Situation direkt vor einer Prüfung hin, insbesondere bei VST in Bezug auf Juden. Dieser Befund wäre ein Beispiel für die Annahme <em>Angst führt zu VST</em> (A -&gt;B). Ein verstärkter Glaube an VST könnte natürlich aber auch dazu führen, dass Angst geschürt wird, sodass ein Teufelskreis aus Angst und VST entsteht.</p>
<p>Wirft man einen Blick auf die wissenschaftliche Literatur, trifft man auf eine relativ frühe Arbeit von Goertzel (1994). Die Daten der Umfrage bestätigen, dass VST in der amerikanischen Gesellschaft weit verbreitet sind. Den Befragten wurde eine Liste von verschiedenen Verschwörungen vorgelegt, die sie auf einer vierstufigen Likert-Skala hinsichtlich des Wahrheitsgehalts einschätzen sollten (<em>definitiv wahr, wahrscheinlich wahr, wahrscheinlich falsch, definitiv falsch</em>). Die meisten Befragten beurteilten die Verschwörungen als <em>wahrscheinlich wahr</em> oder <em>definitiv wahr</em>. Die Tendenz, an Verschwörungen zu glauben, korreliert mit Anomie, mangelndem Vertrauen in andere Menschen und Gefühlen der Unsicherheit bezüglich der Arbeitslosigkeit. Anomie bezeichnet nach Bartoschek (2019) einen „Zustand der Vereinsamung, der Isoliertheit, innerer Orientierungslosigkeit, der Macht- und Hilflosigkeit“ (S. 27). Einen Zusammenhang mit Anomie finden auch Abalakina‐Paap et al. (1999). Die Autorenschaft untersuchte die Beziehung zwischen elf Variablen, in denen sich Menschen in ihrer individuellen Ausprägung unterscheiden, und zwei Maßen des Glaubens an VST (<em>Glaube an spezifische Verschwörungen</em> und <em>Einstellung gegenüber der Existenz von Verschwörungen</em>). Die Ergebnisse zeigen, dass eine hohe Ausprägung in den Variablen <em>Anomie</em>, <em>Autoritarismus</em> und <em>niedriges</em> <em>Selbstwertgefühl</em> mit dem ersten Maß (<em>Glaube an spezifische Verschwörungen</em>), eine hohe Ausprägung in den Variablen <em>externe Kontrollüberzeugung</em>, Feindseligkeit und <em>niedriges Maß an Vertrauen</em> mit dem zweiten Maß (<em>Einstellung gegenüber der Existenz von Verschwörungen</em>) zusammenhängen. Neben der Anomie, die in Verbindung mit einer diffusen Angst steht (Bartoschek, 2019), fällt ein weiterer Aspekt ins Auge: Vertrauen bzw. eher ein Mangel desselben scheint ebenfalls eine Rolle im Kontext von VST zu spielen. Darüber wird allerdings in einem späteren Abschnitt zu sprechen sein.</p>
<p>Bis jetzt haben wir uns in einem nicht-pathologischen Bereich bewegt, d. h. es ging um Menschen, die keine psychische Störung haben. Vielleicht haben Sie aber auch schon Menschen in mehr oder weniger abgewandelter Form sagen hören: „Verschwörungstheoretiker sind doch alle paranoid.“ Ist da was dran? Die Studie von Darwin et al. (2011) liefert Hinweise darauf, dass Verschwörungsdenken signifikant positiv sowohl mit paranoidem Denken als auch Schizotypie korreliert. Bartoschek (2019) versteht unter Schizotypie, „stark vereinfacht gesprochen, so etwas wie eine Schizophrenie, nur eben in einem deutlich geringeren Ausmaß“ (S. 28). Hier ist Vorsicht bei der Interpretation geboten. Da es sich um eine korrelative Studie handelt, können keine Aussagen über die Kausalität des Zusammenhangs getroffen werden. Eine sehr interessante und lesenswerte Arbeit zu diesem Thema wurde von Imhoff und Lamberty (2018) verfasst. Sie betrachteten eine Metaanalyse und zwei korrelative Studien, um der Antwort auf die Frage näherzukommen, wie paranoid sog. Verschwörungstheoretiker sind. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass VST und Paranoia miteinander korrelieren, aber als unterschiedliche Konstrukte betrachtet werden sollten. Laut Imhoff und Lamberty (2018) spiegeln VST eine politische Einstellung wider, während Paranoia eine selbstrelevante Überzeugung darstellt. Einige Stellen, die ich für zentral halte, und die – wie ich finde – äußerst treffend formuliert sind, sollen im Folgenden zitiert werden:</p>
<blockquote><p>De-pathologizing conspiracy beliefs by understanding them as a political attitude rather than a delusional ideation does not – of course – imply veracity of any, let alone all, kinds of conspiracy theories. At the same time, it implies leaving the convenient position of labeling any kind of assertion untrue as soon as it implies a conspiracy (S. 923).</p>
<p>[&#8230;] a highly complex society with a fine-grained division of labor often requires a basis of societal trust: trust that scientists provide unbiased evidence in the absence of conflicts of interest, trust that the newspapers report events as they happened without selecting or suppressing certain information, trust that if one votes for a political party, this party will keep its electoral promises once elected. Conspiracy believers have cancelled this social contract of trust. This does not necessarily mean that they are crazy, paranoid, or cognitively challenged, but merely more disillusioned, more suspicious, and potentially less naïve about society (S. 923).</p>
<p>Conspiracy beliefs and paranoia share antecedents, consequences and (empirically speaking) variance. A closer look, however, allows the identification of clearly distinct phenomena. Whereas in the worldview of the paranoid everybody is after them, through the eyes of the conspiracist, a few powerful people are after everybody (S. 923).</p></blockquote>
<p>Die Autorenschaft spricht sich also dafür aus, Verschwörungsdenken nicht in denselben Topf mit krankheitswertiger Paranoia zu werfen und sie als getrennte Konstrukte zu betrachten. Im zweiten Zitat steckt außerdem eine interessante Überlegung in Bezug auf das Thema <em>Vertrauen</em>, das vorher bereits angesprochen wurde. Der Mangel an Vertrauen in das Gesellschaftssystem sollte nicht als Zeichen von Paranoia fehlinterpretiert werden, sondern gewissermaßen auch als Portion gesunde Skepsis. Es hat auch etwas Positives, kritisch zu sein.</p>
<p>Zum Abschluss soll ein Bogen zum Anfang gespannt werden. Jeder hat Ängste und Sorgen. Menschen unterscheiden sich lediglich in der konkreten Ausgestaltung dieser Erlebensphänomene und den spezifischen Bewältigungsformen. Dies kann auch als Chance begriffen werden und in der Kommunikation zwischen sog. Verschwörungstheoretikern und deren Angehörige als Ansatzpunkt für Gespräche dienen. Konkret auf das Beispiel <em>Impfung im Kontext von Corona</em> bezogen, bedeutet das etwa: Während der sog. Verschwörungstheoretiker Angst vor dem Verlust der Kontrolle oder (Entscheidungs-)Freiheit hat und sich nicht impfen lassen möchte, hat der/die Angehörige möglicherweise Angst vor der Erkrankung und möglichen Spätfolgen. Auch wenn die eine Partei die Argumente der jeweils anderen Partei nicht verstehen mag – das zugrundeliegende Gefühl ist dasselbe.</p>
<h2>Literatur</h2>
<ul>
<li>Abalakina‐Paap, M., Stephan, W. G., Craig, T., &amp; Gregory, W. L. (1999). Beliefs in Conspiracies. <em>Political Psychology</em>, <em>20</em>(3), 637–647. https://doi.org/10.1111/0162-895X.00160</li>
<li>Bartoschek, S. (2019). Angst und Verschwörungstheorien. In A. Beniermann &amp; M. C. Bauer (Hrsg.), <em>Nerven kitzeln: Wie Angst unsere Gedanken, Einstellungen und Entscheidungen prägt</em> (S. 25–33). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-59549-7_2</li>
<li>Darwin, H., Neave, N., &amp; Holmes, J. (2011). Belief in conspiracy theories. The role of paranormal belief, paranoid ideation and schizotypy. <em>Personality and Individual Differences</em>, <em>50</em>(8), 1289–1293. https://doi.org/10.1016/j.paid.2011.02.027</li>
<li>Goertzel, T. (1994). Belief in Conspiracy Theories. <em>Political Psychology</em>, <em>15</em>(4), 731–742. https://doi.org/10.2307/3791630</li>
<li>Grzesiak-Feldman, M. (2013). The Effect of High-Anxiety Situations on Conspiracy Thinking. <em>Current Psychology</em>, <em>32</em>(1), 100–118. https://doi.org/10.1007/s12144-013-9165-6</li>
<li>Imhoff, R., &amp; Lamberty, P. (2018). How paranoid are conspiracy believers? Toward a more fine-grained understanding of the connect and disconnect between paranoia and belief in conspiracy theories. <em>European Journal of Social Psychology</em>, <em>48</em>(7), 909–926. https://doi.org/10.1002/ejsp.2494</li>
<li>Kufs, C. (2015, Januar 1). How to Tell if Correlation Implies Causation. <em>Stats With Cats Blog</em>. https://statswithcats.net/2015/01/01/how-to-tell-if-correlation-implies-causation/</li>
<li>Leonhart, R. (2017). <em>Lehrbuch Statistik: Einstieg und Vertiefung</em> (4. Aufl.). Hogrefe.</li>
<li>Stöber, J., &amp; Schwarzer, R. (2000). Angst. In J. H. Otto, H. A. Euler, &amp; H. Mandl (Hrsg.), <em>Emotionspsychologie: Ein Handbuch</em> (S. 189–198). Beltz/PVU. https://kar.kent.ac.uk/33612/</li>
</ul>
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