Popkultur, kulturelle Aneignung und die Frage nach der Identität von Aussteiger:innen aus Hochkontrollgruppen 

In unserem Blog teilen wir Beiträge zu aktuellen Themen, Perspektiven und Erfahrungen. Gelegentlich veröffentlichen wir auch Gastbeiträge. Diese geben die persönlichen Ansichten, Einschätzungen und Erfahrungen der jeweiligen Autorinnen und Autoren wieder und müssen nicht mit den Positionen unseres Teams oder unserer Organisation übereinstimmen.  

Ich kenne die Bilder, mit denen die Popkultur derzeit auffällig oft spielt, nicht aus Musikvideos. Ich kenne sie aus meinem eigenen Leben. Kontrolle, Isolation, das Gefühl, ständig beobachtet zu werden, die Sprache des “Erwachens” und der “Erlösung” Für mich war das kein Konzeptalbum, sondern Kindheit und Jugend in einer Hochkontrollgruppe. Wenn Kulte, Rituale, Masken und Befreiungsnarrative zu einer ästhetischen Bildsprache der Popmusik werden, dann ist das für mich nicht einfach nur eine dunkle oder provokante Ästhetik. Ich erkenne darin Bilder einer realen Erfahrung, die für einen Teil des Publikums genau das bleibt, was sie auf der Oberfläche darstellen: faszinierende, mystische oder spektakuläre Bilder. 

Ich möchte damit nicht sagen, dass Kunst sich mit diesen Themen nicht beschäftigen darf. Im Gegenteil. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Kontrolle, Abhängigkeit, Ausstieg und Wiederaufbau kann wichtig und sogar heilsam sein. Das weiß ich auch aus eigener Erfahrung, da ich selbst künstlerisch mit Musik arbeite. Mich beschäftigt vielmehr der Moment, in dem die Ästhetik einer sehr realen Erfahrung übernommen wird, ohne dass die Menschen, die diese Erfahrung tatsächlich gemacht haben, sichtbar werden. In der Kulturwissenschaft lässt sich dieser Prozess als Kommodifizierung des Leids beschreiben. Gemeint ist die Übersetzung von Schmerz, Trauma oder existenzieller Not in konsumierbare und kommerziell verwertbare Bilder, Choreografien, Geschichten oder Bühnenkonzepte. Eine reale Aussteigerbiografie ist langsam, widersprüchlich und oft schwer in ein kulturelles Produkt zu übersetzen. Sie besteht nicht nur aus dem Moment der Befreiung, sondern auch aus Verlust, Orientierungslosigkeit, Trauer, dem Erlernen von Selbstbestimmung und dem mühsamen Aufbau eines eigenen Lebens. Eine stilisierte Version dieser Geschichte lässt sich dagegen leicht verdichten, emotional aufladen und immer wieder neu verpacken. 

Der Begriff der kulturellen Aneignung wird in der öffentlichen Debatte meist im Zusammenhang mit ethnischer, religiöser oder kolonial geprägter Herkunft diskutiert. Ich halte es dennoch für sinnvoll, darüber nachzudenken, ob sich das Konzept auch auf bestimmte Erfahrungswelten übertragen lässt, die eng mit Identität, Körper und Biografie verbunden sind. Das Aufwachsen in einer Hochkontrollgruppe ist nicht lediglich eine persönliche Episode. Es kann Sprache, Beziehungen, Körperwahrnehmung, Weltbild und Identität über Jahre prägen. Bestimmte Symbole, Begriffe und Narrative können deshalb für Betroffene eine Bedeutung besitzen, die für Außenstehende nicht unmittelbar erkennbar ist. Wenn solche Erfahrungswelten aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und in kommerzielle Produkte übersetzt werden, entsteht eine ethische Frage: Wem gehört die Bedeutung einer Erfahrung, wenn ihre äußere Form plötzlich öffentlich verwendet wird? Dabei geht es nicht um ein juristisches Eigentumsrecht an Symbolen oder Themen. Es geht um Sichtbarkeit, Anerkennung und Deutungshoheit. 

Pierre Bourdieu hat mit dem Begriff der symbolischen Gewalt eine Form sozialer Machtausübung beschrieben, die nicht durch offenen Zwang funktioniert. Bedeutungen können sich auch dadurch verschieben, dass bestimmte Darstellungen immer wieder im dominanten Diskurs auftauchen und andere Perspektiven unsichtbar bleiben. Genau hier liegt für mich ein entscheidender Punkt: Die Form bleibt sichtbar, während der Ursprung verschwinden kann. Eine Geschichte von Kontrolle und Befreiung kann als ästhetisches Motiv überall auftauchen, während die Menschen, deren Leben von tatsächlicher Kontrolle geprägt war, unsichtbar bleiben. 

Aus heilpädagogischer und psychologischer Perspektive lohnt sich deshalb ein genauerer Blick darauf, was ein Ausstieg aus einer Hochkontrollgruppe für die Identität eines Menschen bedeuten kann. Wer in einem stark kontrollierenden System aufgewachsen ist, verliert mit dem Ausstieg häufig einen großen Teil der bisherigen sozialen und weltanschaulichen Orientierung. Beziehungen können abbrechen, vertraute Begriffe ihre Bedeutung verlieren und Regeln, die das gesamte Leben strukturiert haben, plötzlich nicht mehr gelten. Gleichzeitig muss eine eigene Vorstellung davon entstehen, wer man selbst eigentlich ist. Judith Herman beschreibt in ihrem grundlegenden Werk Trauma and Recovery die Traumaverarbeitung als einen Prozess, in dem Sicherheit, Erinnern und Trauern sowie die erneute Verbindung mit dem eigenen Leben eine zentrale Rolle spielen. Gerade diese letzte Phase kann bedeuten, sich ein eigenes Leben und eine eigene Identität neu aufzubauen. Eine eigene Stimme, eine eigene Sprache, eigene Grenzen, eigene Entscheidungen und ein eigenes Verständnis davon, was richtig und falsch ist. Diese Identität ist deshalb nicht einfach ein Stil, den man sich aussucht. Sie kann das Ergebnis eines langen psychischen und sozialen Wiederaufbaus sein. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, also das Vertrauen darauf, das eigene Leben selbst gestalten und Einfluss auf die eigene Situation nehmen zu können. Gerade nach Erfahrungen systematischer Kontrolle kann diese Selbstbestimmung von besonderer Bedeutung sein. Und genau deshalb kann es für Betroffene etwas anderes bedeuten, wenn die Bilder, Themen oder Sprachen dieser mühsam aufgebauten Identität im öffentlichen und kommerziellen Raum auftauchen. 

Nicht jede Verwendung ist automatisch verletzend. Nicht jede künstlerische Beschäftigung ist Aneignung, und nicht jede Ähnlichkeit bedeutet, dass eine konkrete Biografie übernommen wurde. Wenn jedoch eine bestimmte Erfahrungswelt sichtbar übernommen wird, während ihre realen Ursprünge unsichtbar bleiben, kann dies als Entwertung erlebt werden. Was für eine betroffene Person Ausdruck von Selbstermächtigung ist, wird dann zu einer austauschbaren Oberfläche. Ein Publikum konsumiert Bilder von Kontrolle, Unterwerfung und Befreiung, ohne zwangsläufig zu wissen, dass hinter diesen Bildern reale Lebensgeschichten stehen. 

Der Soziologe Erving Goffman hat beschrieben, wie stark Identität auch durch soziale Interaktion und die Anerkennung der eigenen Selbstdarstellung geprägt wird. Für Menschen, denen in einer Hochkontrollgruppe die Deutungshoheit über das eigene Leben bereits weitgehend entzogen wurde, kann die Frage nach der eigenen Stimme deshalb besonders bedeutsam sein. Wenn andere die eigene Geschichte oder deren zentrale Bilder übernehmen, ohne die betroffenen Menschen sichtbar werden zu lassen, kann auf symbolischer Ebene erneut ein Gefühl von Fremdbestimmung entstehen. Das ist nicht dieselbe Verletzung wie die ursprüngliche Kontrolle. Es kann jedoch an ein vertrautes Grundmuster erinnern: Andere bestimmen, was aus der eigenen Erfahrung wird. 

Janja Lalich beschreibt mit ihrem Konzept des „bounded choice“, wie Entscheidungen innerhalb von Hochkontrollsystemen scheinbar freiwillig getroffen werden können, obwohl der Rahmen dieser Entscheidungen bereits von außen vorgegeben ist. Der Ausstieg bedeutet deshalb nicht nur, eine Gruppe zu verlassen. Er kann auch bedeuten, die Fähigkeit zurückzugewinnen, das eigene Leben selbst zu definieren. Dazu gehört auch die Deutung der eigenen Geschichte: Wer bin ich? Was ist mir passiert? Welche Sprache verwende ich dafür? Welche Bilder gehören zu meiner Geschichte? Und was möchte ich davon nach außen tragen? Diese Fragen sind Teil von Identitätsarbeit. 

Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, einzelne Menschen aus meiner Vergangenheit zu verurteilen oder ihnen pauschal Verantwortung für ein System zuzuschreiben, in dem auch sie selbst geprägt wurden. Meine Kritik richtet sich auf die Strukturen solcher Systeme und auf die Art und Weise, wie Erfahrungen von Kontrolle, Ausstieg und Identitätsverlust später kulturell dargestellt und kommerziell verwertet werden. 

Kulturelle Produktion, die sich an realen Erfahrungswelten wie Hochkontrollgruppen orientiert, sollte deshalb nicht nur danach fragen, was rechtlich erlaubt ist. Das Urheberrecht schützt konkrete Werke wie Texte, Kompositionen oder Bilder. Es schützt in der Regel jedoch weder einen Stil noch eine Motivwelt oder einen biografischen Erfahrungshintergrund als solchen. Gerade dort beginnt die ethische Verantwortung. Wenn reale Erfahrungswelten als Inspiration dienen, sind Transparenz, Kontext und Anerkennung keine Einschränkung künstlerischer Freiheit. Sie können vielmehr dazu beitragen, dass aus einer fremden Erfahrung nicht bloß eine ästhetische Oberfläche wird. 

Kunst darf sich mit Trauma beschäftigen. Kunst darf verstören. Kunst darf Perspektiven aufgreifen, Fragen stellen und Erfahrungen transformieren. Aber zwischen künstlerischer Auseinandersetzung und bloßer Verwertung liegt ein entscheidender Unterschied. Die Frage ist nicht nur, ob ein Bild funktioniert. Die Frage ist auch, woher dieses Bild kommt. Wer hat die Erfahrung gemacht, die hier ästhetisch verarbeitet wird? Wer bekommt eine Stimme? Wer wird sichtbar? Und wer bleibt lediglich die unsichtbare Quelle einer Ästhetik, die andere verkaufen können? 

Gerade die Popkultur besitzt die Möglichkeit, Erfahrungen sichtbar zu machen, die sonst wenig gesellschaftliche Aufmerksamkeit bekommen. Sie kann Räume öffnen und Menschen erreichen, die wissenschaftliche oder fachliche Texte niemals erreichen würden. Darin liegt eine große Chance. Diese Chance setzt jedoch voraus, dass die Realität hinter der Ästhetik nicht vollständig verschwindet. 

Aufklärungsarbeit von Fachstellen und Verbänden kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie kann sichtbar machen, wie Hochkontrollgruppen tatsächlich funktionieren, welche Folgen ein Ausstieg haben kann und warum die Wiedergewinnung von Selbstbestimmung ein langwieriger Prozess ist. Vielleicht sollten wir deshalb genauer hinsehen, wenn Kontrolle, Rituale, Masken, Unterwerfung und Befreiung zu wiederkehrenden Bildern der Popkultur werden. Nicht jede dunkle Ästhetik ist problematisch. Aber hinter manchen dieser Bilder steht möglicherweise eine sehr reale Geschichte. Eine Geschichte von Kindheit und Jugend, von Kontrolle und Isolation, von Verlust und schließlich vom mühsamen Aufbau einer eigenen Identität. Diese Geschichte ist kein austauschbares Bildmaterial. Sie gehört zu einem Menschen. Und vielleicht beginnt kulturelle Verantwortung genau dort, wo wir uns nicht nur fragen, wie gut ein Bild aussieht, sondern auch, welche Geschichte darin steckt und wem diese Geschichte gehört. 

Gastbeitrag von Laura Korinth 

(Die Autorin ist Heilpädagogin und selbst Aussteigerin aus einer Hochkontrollgruppe. Sie arbeitet künstlerisch und fachlich mit dieser Erfahrung.) 

Bild: ‚Skulptur von Ángeles Anglada, Anglada Esculturas‘ 

Literaturverzeichnis  

Bourdieu, P. (2005). Die männliche Herrschaft. Suhrkamp.(Französisches Original: La  

domination masculine, 1998, Éditions du Seuil.)  

Goffman, E. (1969). Wir alle spielen Theater: Die Selbstdarstellung im Alltag. Piper.  

(Original: The Presentation of Self in Everyday Life, 1959.)  

Herman, J. L. (1992). Trauma and Recovery: The Aftermath of Violence – from Domestic  

Abuse to Political Terror. Basic Books. (Deutsche Ausgabe: Die Narben der Gewalt.  

Junfermann.)  

Kaplan, E. A. (2005). Trauma Culture: The Politics of Terror and Loss in Media and  

Literature. Rutgers University Press.  

Lalich, J. (2004). Bounded Choice: True Believers and Charismatic Cults. University of  

California Press.