Das Wort Egoismus hat einen schlechten Ruf. Es klingt nach Rücksichtslosigkeit, nach Menschen, die nur sich selbst sehen und alles andere ignorieren. Kein Wunder, dass viele innerlich zusammenzucken, wenn sie das Gefühl haben, „egoistisch“ zu sein. Doch so einfach ist es nicht. Gerade in der Auseinandersetzung mit weltanschaulichen Prägungen zeigt sich, wie tief der Vorwurf des Egoismus wirken kann und wie wichtig es ist, genauer hinzuschauen.
Wo uns „Egoismus“ in der Beratung begegnet
In unserer Arbeit hören wir immer wieder Sätze wie:
- „Ich will die Gruppe verlassen, aber ich habe Angst, als egoistisch zu gelten.“
- „Darf ich meine eigenen Bedürfnisse wichtiger nehmen als die Erwartungen meiner Familie?“
- „Ich habe mich für eine andere politische Haltung entschieden. Jetzt werfen mir alte Freunde vor, ich würde mich nur noch um mich selbst drehen.“
Oft steht hinter dem Thema Egoismus ein innerer Konflikt: Darf ich ich selbst sein, ohne andere zu verletzen oder abzuwerten? Und: Wo verläuft die Grenze zwischen gesunder Selbstfürsorge und echter Rücksichtslosigkeit?
Weltanschauungen und das Bild vom „richtigen Selbst“
Weltanschauliche Gruppen (ob religiös, esoterisch oder politisch geprägt) geben oft klare Vorstellungen davon, wie ein „guter Mensch“ zu sein hat. Häufig steht dabei die Aufopferung im Vordergrund: für die Gemeinschaft, für die Wahrheit, für die „richtige Sache“.
Wer dann beginnt, sich daraus zu lösen oder eigene Bedürfnisse zu priorisieren, erlebt nicht selten Schuldgefühle. Der Vorwurf, „egoistisch“ zu sein, trifft oft besonders stark, wenn man gelernt hat, dass Selbstzurücknahme gleichbedeutend ist mit Reife, Moral oder spiritueller Tiefe.
Beispiel:
Eine Frau, die jahrelang in einer spirituellen Gemeinschaft gelebt hat, will endlich wieder alleine entscheiden, wie sie ihre Freizeit verbringt. Plötzlich zweifelt sie: „Darf ich das? Oder ist das zu egozentrisch?“ Sie hat gelernt, dass wahres Wachstum nur durch „Dienst an der Gemeinschaft“ möglich ist und spürt jetzt Scham, weil sie ihre Bedürfnisse ernst nimmt.
Wenn Fürsorge sich wie Verrat anfühlt
Oft ist es nicht nur das eigene Gewissen, das sich meldet, auch das Umfeld reagiert empfindlich, wenn jemand neue Wege geht:
- „Du warst doch immer so engagiert. Was ist los mit dir?“
- „Früher war dir Gerechtigkeit wichtig. Jetzt kümmerst du dich nur noch um dein eigenes Leben.“
- „Wie kannst du deine Familie enttäuschen, nur weil du jetzt deinen eigenen Weg gehen willst?“
In diesen Reaktionen steckt häufig nicht nur Ablehnung, sondern auch Verletzung. Wenn jemand sich abgrenzt, spiegelt er anderen vielleicht ungewollt deren eigene Unsicherheit. Der Vorwurf des Egoismus kann dann ein Schutzmechanismus sein – gegen den Schmerz, zurückgelassen zu werden oder eigene Zweifel spüren zu müssen.
Egoismus oder gesunde Selbstfürsorge?
Ein gesunder Umgang mit sich selbst ist kein Egoismus, sondern eine Voraussetzung für tragfähige Beziehungen, auch im weltanschaulichen Kontext. Wer sich selbst nicht ernst nimmt, läuft Gefahr, sich in Strukturen zu verlieren, in denen Anerkennung an Anpassung geknüpft ist.
Fragen, die helfen können:
- Verletze ich andere – oder enttäusche ich nur ihre Erwartungen?
- Geht es mir gerade um Selbstschutz – oder um Kontrolle?
- Was brauche ich, um mit mir im Reinen zu sein – und was davon kann ich in Beziehungen transparent machen?
Echter Egoismus oder einfach eine andere Haltung?
Manchmal wird das Wort „egoistisch“ auch verwendet, um andere mundtot zu machen. In politischen oder spirituellen Gruppen kann eine Abweichung von der Norm schnell als Selbstbezogenheit gewertet werden, selbst, wenn sie inhaltlich begründet oder emotional nachvollziehbar ist.
Beispiel:
Ein junger Mann entscheidet sich, aus einer ökologisch ausgerichteten Bewegung auszusteigen, weil er sich überfordert fühlt. Er wird von anderen beschuldigt, sich „nicht mehr um die Welt zu kümmern“. Dabei hat er schlicht erkannt, dass sein Aktivismus ihn in den Burnout trieb und er langfristig nur dann engagiert bleiben kann, wenn er für sich sorgt.
Hier zeigt sich: Nicht jede Abweichung ist Egoismus. Manchmal ist sie einfach die ehrliche Konsequenz aus Selbstreflexion.
Reflexionsfragen: Wo stehe ich selbst?
Diese Fragen können helfen, das Thema Egoismus differenzierter zu betrachten, gerade im Zusammenhang mit Weltanschauungen:
- Was habe ich über Egoismus gelernt (z. B. in meiner Familie, meiner früheren Gruppe, meiner Religion)?
- Wann bezeichne ich mich selbst als egoistisch? Was meine ich eigentlich damit?
- Was fürchte ich, wenn ich auf meine Bedürfnisse achte?
- Wie gehe ich damit um, wenn andere meine Entscheidungen als egoistisch bewerten?
- Gibt es Menschen, denen ich mehr Verständnis entgegenbringe als mir selbst?
Fazit: Zwischen Autonomie und Verantwortung
Egoismus ist kein Schwarz-Weiß-Begriff. Wer eigene Wege geht, sich abgrenzt oder auf sich achtet, ist nicht automatisch rücksichtslos. Gerade im Bereich von Weltanschauungen ist es wichtig, den Unterschied zu erkennen zwischen echtem Desinteresse an anderen und dem legitimen Bedürfnis, sich selbst treu zu bleiben.
Vielleicht braucht es einen neuen Begriff: gesunde Selbstverbundenheit. Denn nur wer sich selbst nicht verliert, kann auch anderen wirklich begegnen.