Martin Schäuble greift in seinem im Jahr 2020 erschienen Buch »Sein Reich« ein brandaktuelles Thema auf. Durch die Augen des jugendlichen Protagonisten Juri nimmt Schäuble die Leser mit in den braunalternativen, verschwörungstheoretisch durchtränkten Untergrund. Er zeigt, welche Konsequenzen sich aus zunächst harmlos erscheinenden Konstrukten und Weltanschauungen ergeben können, wenn diese konsequent weitergedacht und aus entsprechenden Verschwörungstheorien Handlungsanleitungen werden.   

Der 15-jährige, aus prekären Verhältnissen stammende Juri möchte die Sommerferien nutzen, um seinen Vater kennenzulernen. Sein etwas eigenbrötlerischer Vater lebt in einem abgeschiedenen Dorf im Schwarzwald. Durch die Augen von Juri lernt der Leser die Ansichten des Vaters und dessen Freunde kennen. Dabei kommen durchaus auch positive Facetten zur Sprache. Juri angelt, jagt und verliebt sich. Zunächst erscheinen der Vater und dessen Freunde wie harmlose, esoterisch angehauchte Spinner mit einem Hang zur Apokalypse. Das Konfliktpotential diverser, teils politisierter Anschauungen wird erst im großen Finale deutlich.  

Schäuble gelingt es, ein ernstes Thema spannend und gut lesbar für Jugendliche aufzugreifen. Er umreißt eine nicht fest umrissene Bewegung: Er stellt das Konglomerat aus Verschwörungstheorien, rechten Ideologien sowie alternativmedizinischen Hypothesen vor und bereitet dies in einer Form auf, die gerade auch junge Menschen zum Nachdenken anregt und kritische Fragen stellen lässt. Schäuble nähert sich der Thematik respektvoll und nicht abwertend. Seine Charaktere sind plastisch, liebenswert und erlauben eine hohe Identifikation. Er entwirft das Bild eines zwar verschrobenen, aber durchaus sympathischen Vaters, dessen Ansichten bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehbar sind. Dass allerdings solche systemkritischen Ansichten auch Konfliktpotential bergen und bei einer konsequenten Befolgung eben nicht nur das zunächst romantische Idyll einer »Back to nature«Bewegung entsteht, sondern entsprechende Fehlschlüsse auch sehr drastische Konsequenzen haben können, verdeutlicht sich letztendlich im großen Finale. Und trotzdem verfällt Schäuble nicht in Schwarz-weißUrteile, denn die Welt, aus der Juri kommt, wird sehr realistisch dargestellt, mit allen Grautönen, Schwierigkeiten und Defiziten. Gerade am Ende wird deutlich, dass Systeme und Gesellschaften durchaus kritisiert werden dürfen und sollten.  

Zum Buch sind Unterrichtsmaterialien vorhanden, die im Internet zur freien Nutzung zur Verfügung stehen und unter www.fischerverlage.de/service/lehrer abgerufen werden können. 

Martin Schäuble kam im Jahr 1978 südlich vom Schwarzwald auf die Welt. Er studierte und promovierte in Berlin, Israel und Palästina. Für seine Bücher bereiste er unter anderem Äthiopien und den Iran und recherchierte in den Metropolen Südasiens. Entstanden sind viel beachtete Romane wie »Die Scanner« (unter Robert M. Sonntag) und »Endland«, aber auch eine Reihe von Sachbüchern (»Black Box Dschihad«). »Sein Reich« führte ihn nicht in die Ferne, sondern in die eigene Heimat.* 

 

* Schäuble, M. (1978). Sein Reich. Frankfurt: Fischer Verlag