Freiburg, 02. Februar 2026 – Die Beratungsstelle ZEBRA/BW, finanziert durch das Kultusministerium Baden-Württemberg, blickt auf ihr sechstes Jahr zurück und hat in Ihrem Jahresbericht die Zahlen für 2025 veröffentlicht.

 

Mit 560 Erstkontakten und insgesamt 1.363 Beratungsgesprächen verzeichnet die Einrichtung erneut eine hohe Nachfrage und unterstreicht damit die anhaltende gesellschaftliche Relevanz ihrer Arbeit.

Themenschwerpunkte: komplexe Anliegen der Ratsuchenden
Die Auswertung der Anfragen zeigt einen Zuwachs im Themengebiet Esoterik, jede vierte Anfrage betrifft diesen Bereich. Auffällig: Besonders häufig sind es ältere Menschen, die von esoterischen Anbietern oder unseriösen Coaches verführt werden und hier teilweise viel Geld verlieren und in Abhängigkeiten geraten.

Gründe für die steigenden Esoterik-Anfragen
Der Zuwachs an Esoterik-Anfragen lässt sich durch mehrere gesellschaftlichen Entwicklungen erklären:

  • Wachsendes Misstrauen gegenüber etablierten Versorgungsstrukturen: Pharmakritische Haltungen und Skepsis gegenüber Standardangeboten führen dazu, dass alternative Ansätze stärker nachgefragt werden.
  • Unterversorgung auf dem medizinischen und psychosozialen Markt: Engpässe und lange Wartezeiten verstärken die Suche nach alternativen Beratungs- und Unterstützungsangeboten.
  • Bedürfnis nach Sinn, Orientierung und Erklärbarkeit: In einer komplexen und unsicheren Welt bieten esoterische Praktiken oft narrative Strukturen, Rituale oder personalisierte Ansätze, die Sicherheit und Orientierung vermitteln.
  • Verknüpfung mit weiteren Themen: Esoterik tritt häufig gemeinsam mit Coaching, spiritueller Krisenbewältigung oder Verschwörungserzählungen auf, was zeigt, dass Ratsuchende nach umfassenden Strategien suchen, um mehrere Lebensbereiche gleichzeitig zu bewältigen.

Auf Platz zwei stehen evangelikale Gruppen mit 144 Anfragen (17 %), wobei insbesondere Aussteiger verstärkt Hilfe suchen. Auch das Phänomen der Sinnfluencer oder Christfluencer spielt eine nicht zu unterschätzte Rolle, bei der Verbreitung von Glauben gerade unter jungen Menschen.  Doch auch junge Menschen, die in eine gewisse weltanschauliche Filterblase hineingeboren wurden, melden sich häufig bei ZEBRA/BW, weil sie Unterstützung beim Ausstiegsprozess suchen.

Verschwörungstheorien rangieren mit 106 Anfragen (15 %) auf Platz drei, während Coaching mit 83 Anfragen (12 %) weiterhin an Bedeutung gewinnt. Es wird beobachtet, dass Menschen immer wieder die Hilfe von teils unseriösen Coaches annehmen, die in manchen Fällen nicht nur hohen finanziellen, sondern auch enormen psychischen Schaden anrichten.

Im Bereich der Verschwörungstheorien hat sich der Themenschwerpunkt in den letzten Jahren zunehmend in Richtung aktueller politischer Ereignisse verschoben. Dennoch spielen weiterhin auch verschwörungstheoretische Erzählungen mit gesundheitlichem Fokus eine wichtige Rolle. Die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung zeigt sich dabei nicht nur in öffentlichen Debatten, sondern auch im privaten Umfeld. Familiäre und partnerschaftliche Konflikte, die aus unterschiedlichen Weltbildern und Überzeugungen entstehen, haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verschärft und stellen für viele Betroffene eine große Belastung dar.

Weitere Themenbereiche umfassen neue religiöse Bewegungen (59 Anfragen, 9 %), spirituelle Krisen, Psychogruppen, Islam sowie Satanismus  und Okkultismus .

Darüber hinaus erreicht ZEBRA BW eine stetig wachsende Zahl an Anfragen von Jugendämtern, die die Fachstelle bei der Einschätzung möglicher Kindeswohlgefährdungen beratend hinzuziehen. Diese Anfragen verdeutlichen den hohen Bedarf an spezialisierter fachlicher Unterstützung bei der Bewertung komplexer Gefährdungslagen. Insbesondere bei unklaren oder vielschichtigen Fallkonstellationen besteht ein großes Bedürfnis nach externer Expertise, um fundierte, verantwortungsvolle und am Kindeswohl orientierte Entscheidungen treffen zu können.

Die hohe gesellschaftliche Relevanz der Themen spiegelt sich eindrücklich in der stark gestiegenen Nachfrage nach Beratung, fachlichem Austausch und Öffentlichkeitsarbeit wider. Insgesamt verzeichnete ZEBRA BW im Berichtszeitraum 560 Erstkontakte sowie 1.363 Beratungsgespräche mit Klient:innen. Darüber hinaus fanden 195 Kooperationskontakte mit anderen Beratungsstellen, Fachgremien und Netzwerken statt, was den intensiven Bedarf an Vernetzung und fachlicher Abstimmung unterstreicht. Besonders auffällig ist die Entwicklung im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit: Mit 134 Presseanfragen wurde ein neuer Höchstwert erreicht. Die zahlreichen Medienanfragen zeigen das große öffentliche Interesse und den hohen Informationsbedarf zu den Themen. Auch die Nachfrage nach Vorträgen, Workshops und Schulungen bleibt auf sehr hohem Niveau: Insgesamt führte ZEBRA BW 43 Veranstaltungen durch. Aufgrund begrenzter personeller und zeitlicher Ressourcen mussten jedoch weitere Anfragen abgelehnt werden. Insgesamt wird deutlich, dass ZEBRA BW mit seiner Expertise stark gefragt ist, gleichzeitig jedoch zunehmend an die Grenzen seiner Kapazitäten stößt – insbesondere im Bereich der Präventionsarbeit, der fachlichen Beratung sowie der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

„Die hohe Nachfrage zeigt, wie dringend Ratsuchende auf Orientierung, Beratung und Unterstützung angewiesen sind. Gleichzeitig spiegelt die Vielfalt der Anfragen den Markt der Sinnanbieter wider. Heutzutage entstehen ständig neue Angebote und es gibt eine Vielzahl von Akteuren, die um Sinnsuchende konkurrieren.“, sagt die Geschäftsführung von ZEBRA/BW, Dr. Sarah Pohl. Gleichzeitig betont die Beratungsstelle, dass zusätzliche personelle Ressourcen notwendig wären, um die stetig wachsende Anzahl von Anfragen angemessen zu bewältigen, weitere Bildungs- und Vortragsangebote zu entwickeln und präventive Maßnahmen stärker proaktiv auszubauen. Mit erweiterten Kapazitäten könnten zudem gezielte, niedrigschwellige schriftliche Beratungsangebote für junge Menschen etabliert werden, die insbesondere digitalen Kommunikationsgewohnheiten Rechnung tragen und einen frühzeitigen Zugang zu Unterstützung ermöglichen.

Ergänzend zur Beratungs-, Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit war ZEBRA BW im Berichtszeitraum in hohem Maße publizistisch tätig. Mehrere fachliche Veröffentlichungen befassten sich mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, insbesondere mit dem Phänomen toxischer Spiritualität sowie mit Radikalisierungsprozessen jenseits klassischer Jugendmilieus. Hervorzuheben sind dabei unter anderem die Buchveröffentlichungen „Pohl/Liebbrand: Plötzlich fremd – im Sog toxischer Spiritualität. Ein Ratgeber für Angehörige zwischen Sorge und Hilflosigkeit“ sowie „Pohl/Wiedemann: Abgetaucht, radikalisiert, verloren? Die Generation 50+ im Sog der Filterblasen“. Darüber hinaus entstanden weitere Fachbeiträge, Unterrichtsmaterialien und Medienbeiträge zu Verschwörungserzählungen, geschlossenen weltanschaulichen Gruppierungen und deren Auswirkungen auf unterschiedliche Altersgruppen. Diese Publikationen leisten einen wichtigen Beitrag zur fachlichen Einordnung, zur Sensibilisierung von Fachpraxis und Öffentlichkeit und unterstreichen zugleich den hohen zeitlichen und personellen Aufwand, der die Beratungsstelle zunehmend an die Grenzen ihrer vorhandenen Kapazitäten bringt.

 

Die Arbeit von ZEBRA/BW stärkt die gesellschaftliche Resilienz, fördert Aufklärung, hilft, Desinformation zu erkennen, und wirkt Polarisierung und Spaltung entgegen. Abschließend bedankt sich die Beratungsstelle ausdrücklich beim Land Baden-Württemberg: Die Förderung macht die Arbeit von ZEBRA/BW überhaupt erst möglich und sichert Ratsuchenden in Baden-Württemberg eine verlässliche Anlaufstelle.